Je weiter ich mich mit den Grundlagen der Markttechnik beschäftige, desto deutlicher wird mir, dass der Einstieg in einen Trade nicht einfach daraus bestehen kann, auf einen steigenden Chart zu schauen und auf „Kaufen“ zu drücken.
Eine der wichtigsten Fähigkeiten eines Traders ist meiner Meinung nach, die Psychologie und die möglichen Handlungen der anderen Marktteilnehmer zu verstehen.
Ich muss nicht wissen, wer genau auf der anderen Seite meiner Order sitzt. Ich sollte aber verstehen, dass gleichzeitig ganz unterschiedliche Marktteilnehmer handeln.
Der eine möchte eine langfristige Position aufbauen.
Der nächste nimmt gerade Gewinne mit.
Ein anderer eröffnet eine Shortposition.
Ein Fonds reduziert sein Portfolio.
Ein Daytrader handelt nur die nächste Bewegung.
Ein anderer Trader wartet auf einen Ausbruch.
Wieder andere Marktteilnehmer haben Stop-Orders oberhalb oder unterhalb bestimmter Marken liegen.
Aus all diesen unterschiedlichen Interessen entsteht letztendlich die Bewegung, die wir anschließend als Chart sehen.
Der Kurs ist deshalb nicht einfach eine Linie.
Er ist das Ergebnis von Orders, Erwartungen, Stops, Gewinnmitnahmen, Einstiegen und Positionsschließungen.
Genau daraus entstehen wiederum Trends und die typischen 1-2-3-Bewegungen, mit denen wir uns bereits beschäftigt haben.
Der Einstieg beginnt nicht mit der Order
Ein guter Einstieg beginnt nicht in dem Moment, in dem ich den Kauf- oder Verkaufsbutton drücke.
Der Einstieg beginnt vorher.
Zuerst muss ich wissen:
Was möchte ich überhaupt handeln?
Den Trend?
Eine einzelne Bewegung?
Oder einen Ausbruch?
Erst danach kann ich entscheiden, welches Einstiegssignal für diese Strategie überhaupt sinnvoll ist.
Das passt auch zu einem grundsätzlichen Konzept der professionellen Handelsplanung: Man unterscheidet zwischen einem Setup, also der Situation, die grundsätzlich interessant ist, und dem Trigger, der den tatsächlichen Einstieg auslöst. CME beschreibt genau diese Trennung zwischen Setup und konkretem Triggerpunkt als Bestandteil eines Tradingplans.
Für mich bedeutet das:
Marktstruktur = Setup.
Einstiegssignal = Trigger.
Ein sauberer Aufwärtstrend kann beispielsweise mein Setup sein.
Ein Umkehrstab an Punkt 3 kann anschließend mein Trigger sein.
Die 1-2-3-Bewegung als Grundlage
Das Ziel bei der Suche nach einem Einstiegspunkt ist häufig, die typische 1-2-3-Struktur zu erkennen und diese passend zu meinem Tradingstil zu handeln.
Ganz vereinfacht:
Punkt 1 bildet den Ausgangspunkt einer Bewegung.
Punkt 2 entsteht am Ende der Bewegung.
Punkt 3 entsteht nach der anschließenden Korrektur.
Danach entscheidet sich, ob die ursprüngliche Bewegung fortgesetzt wird.
Genau deshalb ist Punkt 3 für einen markttechnisch orientierten Trader so interessant.
Dort kann ein relativ günstiger Einstieg entstehen:
Der Trend ist bereits erkennbar.
Eine Korrektur hat stattgefunden.
Aber die nächste Bewegung hat möglicherweise noch nicht vollständig begonnen.
Trendhandel und die Abstände zwischen Punkt 2
Wenn ich den Trend handeln möchte, spielt auch die Struktur der vorherigen Bewegungen eine Rolle.
Besonders interessant ist, wie weit die aufeinanderfolgenden Punkte 2 voneinander entfernt liegen.
Wenn zwischen den jeweiligen neuen Hochpunkten beziehungsweise Tiefpunkten relativ überschaubare Abstände bestehen, kann ein sauberer Trend entstehen, bei dem Bewegung und Korrektur regelmäßig miteinander wechseln.
Der Trader kann dadurch seinen Stop anhand der fortlaufenden Struktur nachziehen.
Werden die Bewegungen dagegen immer größer und die Abstände zwischen den relevanten Punkten extrem weit, verändert sich das Risikoprofil.
Dann kann es schwieriger werden, einen Stop sinnvoll an der übergeordneten Trendstruktur zu platzieren, ohne einen sehr großen Abstand zum Einstieg zu bekommen.
In einer solchen Situation kann es sinnvoller sein, nicht mehr den kompletten Trend zu handeln, sondern gezielter die einzelne:
Bewegung
zu handeln.
Das verbindet sich direkt mit unseren vorherigen Notizen:
Trendhandel versucht möglichst viel vom gesamten Trend mitzunehmen.
Bewegungshandel konzentriert sich stärker auf eine einzelne Strecke innerhalb des Trends.
Der Einstieg und insbesondere der Stop können dadurch vollkommen anders aussehen.
Immer eine übergeordnete Zeiteinheit beachten
Beim Trading sollte man nicht nur eine einzige Zeiteinheit betrachten.
Eine kleinere Zeiteinheit zeigt mir viele Details.
Eine größere Zeiteinheit zeigt mir dagegen den Zusammenhang.
Eine praktische Zuordnung aus meiner Notiz wäre beispielsweise:
| Handelschart | übergeordneter Chart |
|---|---|
| Tick-Chart | etwa 10-Minuten-Chart |
| 10-Minuten-Chart | etwa 60-Minuten-Chart |
| 60-Minuten-Chart | Tageschart |
| Tageschart | Wochenchart |
Diese Zuordnung ist keine mathematische Pflicht. Der wichtige Gedanke dahinter ist:
Eine kleinere Struktur sollte immer im Kontext einer größeren Struktur betrachtet werden.
Denn im größeren Chart kann eine Bewegung ganz anders aussehen.
Warum zwei Zeiteinheiten so viel helfen
Angenommen, ich beobachte im 10-Minuten-Chart einen vermeintlich neuen Punkt 3.
Der Markt scheint dort wieder nach oben zu drehen.
Ich könnte jetzt denken:
Neuer Punkt 3 – Long-Einstieg.
Dann öffne ich zusätzlich den 60-Minuten-Chart.
Dort erkenne ich:
Die komplette Bewegung des 10-Minuten-Charts ist lediglich eine kleine Gegenbewegung innerhalb einer wesentlich größeren Abwärtsbewegung.
Damit verändert sich meine Interpretation.
Vielleicht ist mein Long-Trade trotzdem handelbar.
Aber ich weiß jetzt:
Ich handle gegen die übergeordnete Bewegung.
Das Risiko und mein Gewinnziel müssen entsprechend angepasst werden.
Umgekehrt kann der große Chart genau die Bestätigung liefern, die ich brauche.
Der Tageschart zeigt einen Aufwärtstrend.
Der 60-Minuten-Chart korrigiert.
Der 10-Minuten-Chart bildet anschließend einen Long-Umkehrstab.
Dann kommen mehrere Ebenen zusammen:
übergeordneter Trend + Korrektur + Einstiegssignal.
Das ist wesentlich aussagekräftiger als nur ein einzelner Bar.
Der Umkehrstab
Der Umkehrstab gehört zu den interessanten Einstiegssignalen der Markttechnik.
Dabei muss man aufpassen:
Ein markttechnischer Umkehrstab nach Michael Voigt ist nicht einfach irgendeine Candlestick-Umkehrformation.
Voigt betont ausdrücklich, dass der Umkehrstab nicht mit klassischen Candlestick-Mustern gleichgesetzt werden sollte. Entscheidend ist der sichtbare Wechsel von Angebot und Nachfrage innerhalb einer Periode.
Es gibt zwei grundlegende Varianten.
Short-Umkehrstab
Ein Short-Umkehrstab bildet zunächst ein:
neues Hoch gegenüber der vorherigen Periode.
Dieses neue Hoch kann anschließend aber nicht gehalten werden.
Zusätzlich schließt die Periode:
unterhalb ihres eigenen Eröffnungskurses.
Vereinfacht passiert also:
Der Markt steigt.
Käufer schaffen ein neues Hoch.
Dann verändert sich das Kräfteverhältnis.
Verkäufer übernehmen.
Der Kurs fällt zurück und schließt unter seiner Eröffnung.
Genau darin wird der Wechsel sichtbar.
Long-Umkehrstab
Der Long-Umkehrstab funktioniert genau andersherum.
Die Periode bildet zunächst:
ein neues Tief gegenüber der vorherigen Periode.
Dieses neue Tief kann nicht gehalten werden.
Anschließend steigt der Kurs wieder und die Periode schließt:
oberhalb ihres eigenen Eröffnungskurses.
Das bedeutet:
Verkäufer waren zunächst stark genug, ein neues Tief zu erzeugen.
Dann kommen Käufer in den Markt.
Der Verkaufsdruck wird absorbiert beziehungsweise überwunden.
Der Kurs dreht.
Für die markttechnische Betrachtung ist genau dieser sichtbare Wechsel von Angebot und Nachfrage interessant.
Ein Umkehrstab ist noch kein automatischer Trade
Das finde ich besonders wichtig.
Der Umkehrstab bedeutet nicht:
Long-Umkehrstab gefunden = sofort kaufen.
Oder:
Short-Umkehrstab gefunden = sofort verkaufen.
Voigt beschreibt selbst den Grundgedanken so, dass solche Perioden häufig am Beginn einer Bewegung stehen können, die Bewegung aber nicht deshalb entsteht, weil der Umkehrstab existiert. Entscheidend bleibt seine Lage innerhalb des gesamten Trendverlaufs.
Der Umkehrstab ist also ein:
Einstiegssignal innerhalb eines vorhandenen Kontextes.
Genau deshalb gehört davor immer die Frage:
Wo befindet sich dieser Umkehrstab?
An Punkt 3 eines Aufwärtstrends?
Direkt unter einem großen Widerstand?
Mitten in einem chaotischen Innenstab-Bereich?
Gegen den übergeordneten Tagestrend?
An einer wichtigen Tageslinie?
Erst durch den Zusammenhang bekommt das Signal Qualität.
Bestätigung des Umkehrstabes
Auch der Einstieg selbst muss nicht zwingend bereits beim Schluss des Umkehrstabs erfolgen.
Eine Möglichkeit ist, zunächst eine Triggerlinie zu benutzen.
Beim Long-Umkehrstab liegt diese am:
Hoch des Umkehrstabs.
Beim Short-Umkehrstab liegt sie am:
Tief des Umkehrstabs.
Damit wartet der Trader darauf, dass der Markt tatsächlich in die erwartete Richtung weiterläuft. Genau diese Triggerlogik wird auch in Voigts Arbeitsbuch als Form der Bestätigung beschrieben.
Das gefällt mir besonders gut, weil damit nicht nur gesagt wird:
Der Bar sieht interessant aus.
Sondern:
Der Markt muss anschließend bestätigen, dass aus der Umkehr tatsächlich Bewegung entsteht.
Umkehrstäbe im Futures-Handel
Gerade im Futures-Handel können Umkehrstäbe in kürzeren Zeiteinheiten interessant sein.
In meiner Notiz aus dem Buch werden beispielsweise:
5-Minuten- und 10-Minuten-Perioden
genannt.
Das bedeutet aber nicht, dass jeder Umkehrstab in einem 5-Minuten-Chart automatisch gehandelt werden sollte.
Auch hier brauche ich wieder:
Trendstruktur + übergeordnete Zeiteinheit + Lage des Signals + Stop + Liquidität.
Ein Umkehrstab mitten in einer chaotischen Bewegung hat eine andere Bedeutung als ein sauberer Umkehrstab genau an einem relevanten Punkt 3.
Notierungslücken und Umkehrstäbe
Eine Besonderheit sind Notierungslücken beziehungsweise Gaps.
Ein Gap kann dazu führen, dass zu Beginn einer neuen Periode bereits eine völlig andere Preiszone gehandelt wird als zum Schluss der vorherigen Periode.
Dadurch können Umkehrstäbe entstehen, die optisch sehr deutlich aussehen.
Voigt weist deshalb darauf hin, dass ein Umkehrstab im fortlaufenden Handel häufig gleichzeitig ein Innenstab sein kann, es aber Ausnahmen gibt – insbesondere zu Beginn eines Handelstages bei vorhandenen Notierungslücken.
Warum Gaps für Einstiege besonders interessant sind
Eine Kurslücke bedeutet zunächst:
Zwischen zwei gehandelten Bereichen liegt ein Preisbereich, in dem während der betrachteten Session keine normale kontinuierliche Preisfindung stattgefunden hat.
Das kann bei Aktien beispielsweise nach Unternehmenszahlen entstehen.
Schlusskurs:
100 €
nächste Eröffnung:
108 €.
Die Marktteilnehmer mussten ihre Erwartungen über Nacht neu bewerten.
Alle bereits vorhandenen Limit-Orders, Stops und neuen Orders treffen anschließend bei der Eröffnung aufeinander.
Genau deshalb können die ersten Minuten sehr dynamisch werden.
Ein Gap kann:
eine neue Bewegung starten, einen Ausbruch bestätigen, eine bereits laufende Bewegung fortsetzen oder nach einer weit fortgeschrittenen Bewegung sogar eine Übertreibung markieren.
Aber auch hier gilt:
Das Gap alleine ist kein Einstiegssignal.
Wichtiger ist:
Was macht der Markt nach dem Gap?
Gap + Umkehrstab
Besonders interessant kann folgende Situation sein:
Eine Aktie eröffnet stark unter dem Schlusskurs des Vortags.
Die Verkäufer drücken den Kurs zunächst noch weiter nach unten.
Dann dreht der Markt.
Die Periode bildet ein neues Tief, kann dieses aber nicht halten und schließt oberhalb ihrer Eröffnung.
Damit entsteht möglicherweise ein:
Long-Umkehrstab nach einem Gap.
Psychologisch könnte dahinter stehen:
Viele Marktteilnehmer verkaufen bereits zur Eröffnung.
Andere Anleger schließen Longpositionen.
Shortseller steigen ein.
Aber irgendwann reichen die neuen Verkäufer nicht mehr aus.
Käufer übernehmen.
Shortseller beginnen möglicherweise bereits, Positionen wieder zu schließen.
Dadurch entsteht zusätzlicher Kaufdruck.
Genau solche Konstellationen zeigen sehr schön, warum man nicht nur die Form des Bars betrachten sollte, sondern versuchen muss zu verstehen, welche Orders dahinterstehen könnten.
Tageslinien als Einstiegshilfe
Eine weitere einfache, aber interessante Hilfe sind die sogenannten Tageslinien.
Für meine Notizen sind vier Marken besonders wichtig:
Vortageshoch
Vortagestief
Schlusskurs des Vortages
Eröffnungskurs des aktuellen Tages
Diese Linien sind deswegen interessant, weil sehr viele Marktteilnehmer dieselben Preise sehen.
Sie sind nicht subjektiv eingezeichnet.
Das Vortageshoch ist für jeden gleich.
Das Vortagestief ebenfalls.
Gerade deshalb können dort viele unterschiedliche Orders zusammentreffen.
Vortageshoch
Das Vortageshoch kann als kurzfristiger Widerstands- beziehungsweise Triggerbereich betrachtet werden.
Steigt der Kurs heute bis zu dieser Marke, können dort beispielsweise:
Gewinnmitnahmen bestehender Longpositionen, neue Shortorders, Breakout-Kauforders oder Stop-Buy-Orders von Shortsellern liegen.
Durchbricht der Markt die Marke, kann dadurch kurzfristig zusätzliche Dynamik entstehen.
Aber:
Der bloße Durchbruch reicht noch nicht aus.
Ich muss den Gesamtverlauf des aktuellen Tages und des Vortages betrachten.
Kommt der Markt bereits nach einer extrem starken Bewegung am Vortageshoch an?
Oder entsteht gerade erst eine neue Bewegung?
Das macht einen großen Unterschied.
Vortagestief
Beim Vortagestief funktioniert die Logik spiegelverkehrt.
Dort können beispielsweise:
Long-Trader ihre Stops haben.
Breakout-Trader auf fallende Kurse warten.
Short-Trader neue Positionen eröffnen.
Andere Marktteilnehmer wiederum versuchen genau dort Long einzusteigen.
Wird das Tief deutlich gebrochen, können ausgelöste Stop-Verkaufsorders zusätzlichen Verkaufsdruck erzeugen.
Damit entsteht wieder der bereits bekannte Dominoeffekt.
Warum ich unmittelbar vor Tageslinien nicht hektisch schließen sollte
In meiner Buchnotiz steht sinngemäß:
Nicht unmittelbar vor einem möglichen Durchbruch einer wichtigen Tageslinie voreilig schließen.
Die Logik dahinter finde ich interessant.
Wenn sich der Markt gerade an eine bedeutende Marke heranschiebt, kann genau dort eine neue Bewegung entstehen.
Schließe ich meine Position unmittelbar davor nur aus Angst, kann ich genau die Bewegung verpassen, auf die mein ursprünglicher Trade eigentlich ausgerichtet war.
Das bedeutet natürlich nicht:
Niemals vor einer Tageslinie aussteigen.
Wenn mein Tradingplan dort das Kursziel vorsieht, ist ein Ausstieg vollkommen legitim.
Die wichtigere Regel lautet:
Nicht emotional schließen, nur weil eine wichtige Marke näherkommt.
Der vorher festgelegte Handelsplan entscheidet.
Die Eröffnungslinie
Der Eröffnungskurs ist ebenfalls interessant.
Er zeigt mir, von welchem Preisniveau aus der aktuelle Handelstag gestartet ist.
Solange der Markt oberhalb seiner Eröffnung handelt, kann das vereinfacht auf relative Stärke innerhalb des Tages hinweisen.
Fällt er wieder darunter, verändert sich das kurzfristige Bild.
Besonders interessant wird es, wenn der Markt zunächst deutlich steigt, danach unter die Eröffnung zurückfällt und gleichzeitig einen Short-Umkehrstab beziehungsweise eine andere schwächere Struktur bildet.
Oder umgekehrt:
Der Markt fällt nach der Eröffnung stark.
Dann steigt er wieder über die Eröffnung.
Damit können Shortseller unter Druck geraten.
Die Eröffnungslinie ist deshalb kein eigenständiges Kaufsignal.
Sie gibt aber zusätzlichen Kontext.
Schlusskurs des Vortages
Auch der Schlusskurs des Vortages ist eine wichtige Referenz.
Er zeigt mir, wo sich der Markt am Ende der vorherigen Sitzung befand.
Gerade bei Gaps ist der Abstand zwischen:
Vortagesschluss
und:
neuer Eröffnung
sehr interessant.
Im Futures-Handel muss man dabei allerdings sauber zwischen dem letzten gehandelten Preis, dem offiziellen Settlement und der jeweiligen Börsenkonvention unterscheiden. „Schlusskurs“ und „Settlement Price“ sind nicht bei jedem Kontrakt technisch exakt dasselbe.
Für die praktische Chartanalyse ist trotzdem wichtig:
Der vorherige Schlussbereich ist eine sichtbare Referenz für neue Käufer und Verkäufer.
Besonderheiten der Tageslinien
Für mich ergeben sich daraus mehrere interessante Situationen:
| Situation | mögliche Interpretation |
|---|---|
| Kurs nähert sich Vortageshoch | möglicher Widerstand oder Breakout-Trigger |
| Vortageshoch wird dynamisch gebrochen | neue Käufer und Short-Stops können Bewegung verstärken |
| Durchbruch scheitert sofort | möglicher False Breakout / Umkehrsignal |
| Kurs fällt unter Vortagestief | Long-Stops und neue Shortorders können aktiviert werden |
| Kurs kehrt über Eröffnung zurück | kurzfristiges Kräfteverhältnis kann sich ändern |
| großes Gap zum Vortagesschluss | Erwartungen wurden zwischen den Sessions stark neu bewertet |
Diese Linien sollten dabei niemals isoliert gehandelt werden.
Sie sind Filter und Triggerbereiche innerhalb der gesamten Marktstruktur.
Trendlinien als Einstiegssignal
Trendlinien haben wir bereits ausführlich behandelt.
Beim Thema Einstieg bekommen sie aber noch eine zusätzliche Funktion.
Eine Trendlinie kann nicht nur zeigen:
Wo verläuft der aktuelle Trend?
Sie kann auch als Trigger für einen möglichen Ausbruch benutzt werden.
Angenommen, ich habe einen fallenden kurzfristigen Trend innerhalb eines größeren Aufwärtstrends.
Die Hochpunkte der Korrektur lassen sich mit einer fallenden Trendlinie verbinden.
Irgendwann steigt der Kurs über diese Linie.
Damit kann die kurzfristige Korrektur möglicherweise beendet sein.
Für einen Trader kann das ein zusätzliches Einstiegssignal darstellen.
CME führt Trendlinien ebenfalls als eine gebräuchliche Möglichkeit auf, Unterstützungs- und Widerstandsbereiche zu identifizieren. Solche Bereiche sind allerdings eher als Zonen und nicht als millimetergenaue Grenzen zu verstehen.
Trendlinienbruch ist nicht automatisch Trendwechsel
Wieder gilt:
Durchbruch ≠ Garantie.
Der Kurs kann kurz über eine Trendlinie laufen und anschließend sofort zurückkehren.
Deshalb sollte ich auch hier verschiedene Informationen kombinieren:
Trendstruktur, Lage im 1-2-3, Tageslinien, Volumen, übergeordnete Zeiteinheit und gegebenenfalls ein Umkehrsignal.
Dann bekomme ich vielleicht folgende Konstellation:
Tageschart:
Aufwärtstrend
60-Minuten-Chart:
Korrektur
10-Minuten-Chart:
fallende Trendlinie
Punkt 3:
Long-Umkehrstab
anschließend:
Ausbruch über Trendlinie
Jetzt habe ich nicht einfach nur irgendeinen grünen Bar.
Mehrere Informationen zeigen in dieselbe Richtung.
Pivot-Linien
In deiner Notiz steht „Vivot“. Gemeint sind sehr wahrscheinlich Pivot-Linien beziehungsweise Pivot Points.
Das ist ein zusätzliches Werkzeug der klassischen technischen Analyse und sollte nicht mit den markttechnischen Punkten 1-2-3 verwechselt werden.
Das ist wichtig:
Punkt 2 der Markttechnik ≠ Pivot Point Indikator.
Ein klassischer Pivot Point wird mathematisch aus Kursdaten der vorherigen Periode berechnet.
Die Standardberechnung lautet:
Pivot = (Hoch + Tief + Schluss) / 3
Aus diesem Mittelpunkt werden anschließend weitere Unterstützungs- und Widerstandslinien berechnet:
R1, R2, R3
sowie:
S1, S2, S3.
Fidelity beschreibt Pivot Points entsprechend als berechnete Intraday-Unterstützungs- und Widerstandsbereiche, die auf Daten der vorherigen Periode basieren.
Was bringen Pivot Points?
Der Vorteil ist:
Sie sind objektiv.
Zwei Trader, die dieselbe Pivot-Formel und dieselben Eingangsdaten verwenden, erhalten dieselben Linien.
Das unterscheidet Pivot Points beispielsweise von einer subjektiv eingezeichneten Trendlinie.
Der Trader kann beobachten:
Wie reagiert der Markt am Pivot?
Hält S1 als Unterstützung?
Wird R1 gebrochen?
Kommt es nach einem Durchbruch zu einem Retest?
Auch hier gilt wieder:
Die Pivot-Linie erzeugt keine magische Kursbewegung.
Aber wenn sehr viele Marktteilnehmer dieselbe Marke beobachten, können dort verstärkt Orders liegen.
Für einen Daytrader können Pivot Points deshalb als zusätzlicher:
Orientierungsbereich
verwendet werden.
Pivot Point mit Markttechnik kombinieren
Interessant wäre beispielsweise:
Der übergeordnete Trend steigt.
Der Markt korrigiert.
Der neue Punkt 3 entsteht ungefähr im Bereich von:
S1
oder:
zentralem Pivot.
Dort entsteht zusätzlich ein:
Long-Umkehrstab.
Dann habe ich erneut mehrere Informationen, die sich gegenseitig ergänzen.
Nicht:
Pivot getroffen = kaufen.
Sondern:
Marktstruktur + Pivot-Bereich + Einstiegssignal.
Genau darin sehe ich den richtigen Einsatz solcher zusätzlichen Werkzeuge.
Fibonacci
Auch Fibonacci gehört nicht zur eigentlichen 1-2-3-Definition der Markttechnik, kann aber als zusätzliches Werkzeug bei Korrekturen verwendet werden.
Besonders bekannt sind die sogenannten:
Fibonacci Retracements.
Dabei wird gemessen, wie weit eine vorherige Bewegung anschließend korrigiert wird.
Häufig beobachtete Bereiche sind:
38,2 %
50 %
61,8 %.
Dabei gehört 50 % mathematisch eigentlich nicht zur Fibonacci-Folge, wird in der technischen Analyse aber sehr häufig gemeinsam mit den Fibonacci-Retracements dargestellt. CME erklärt genau diese drei Bereiche als gebräuchliche Retracement-Zonen.
Beispiel Fibonacci und Punkt 3
Angenommen:
Eine Aktie steigt von:
100 € auf 120 €.
Die komplette Bewegung beträgt:
20 €.
Jetzt korrigiert der Markt.
Ein Retracement von ungefähr 50 % würde bedeuten:
10 € Korrektur.
Damit läge der Bereich ungefähr bei:
110 €.
Jetzt passiert Folgendes:
Der vorherige Aufwärtstrend ist intakt.
Bei etwa 110 € entsteht ein möglicher Punkt 3.
Gleichzeitig liegt dort ungefähr das 50-%-Retracement.
Dann bildet sich ein Long-Umkehrstab.
Das ist wesentlich interessanter als einfach nur:
Kurs berührt Fibonacci 50 %, also kaufen.
Fibonacci Extensions
Fibonacci kann außerdem genutzt werden, um mögliche Zielbereiche einer neuen Bewegung zu projizieren.
Dazu werden sogenannte:
Extensions
verwendet.
CME nennt unter anderem Verhältnisse um 1,38, 1,50 und 1,61 als gebräuchliche Erweiterungsbereiche.
Für einen Trader kann das beispielsweise helfen, nach einem Ausbruch mögliche Zielzonen zu bestimmen.
Aber auch hier sollte Fibonacci niemals alleine darüber entscheiden:
Hier muss der Markt drehen.
Es handelt sich nur um einen mathematisch abgeleiteten Bereich.
Fibonacci ist kein Naturgesetz der Börse
Das ist mir bei diesem Thema besonders wichtig.
Nur weil die Zahlen aus der Fibonacci-Folge mathematisch interessant sind, bedeutet das nicht, dass ein Aktienkurs gezwungen ist, bei:
61,8 %
zu drehen.
Fibonacci sollte genauso verwendet werden wie andere technische Werkzeuge:
als zusätzliche Information und nicht als Beweis.
Auch CME weist darauf hin, dass Fibonacci-Levels zusammen mit anderen technischen Informationen genutzt werden sollten und durch externe Ereignisse jederzeit gebrochen werden können.
Mehrere Einstiegssignale miteinander kombinieren
Damit ergibt sich langsam ein sehr interessantes System.
Ich kann einen möglichen Einstieg beispielsweise über mehrere Ebenen beurteilen.
Zuerst:
Was zeigt der übergeordnete Trend?
Dann:
Wo befindet sich meine 1-2-3-Struktur?
Danach:
Entsteht ein Umkehrstab?
Zusätzlich:
Liegt dort eine Tageslinie?
Eine Trendlinie?
Ein Pivot-Bereich?
Ein Fibonacci-Retracement?
Je mehr unabhängige Informationen in einem ähnlichen Kursbereich zusammenkommen, desto interessanter kann die Situation werden.
Dafür wird häufig der Begriff:
Confluence
verwendet.
Also das Zusammentreffen mehrerer Faktoren.
Aber Vorsicht vor zu vielen Signalen
Auch hier kann man übertreiben.
Wenn ich:
15 Indikatoren, sieben Fibonacci-Ebenen, sechs Trendlinien, Pivot Points, gleitende Durchschnitte und zehn Candlestick-Muster
gleichzeitig auf den Chart lege, habe ich irgendwann immer irgendein Signal.
Dann finde ich nicht mehr Klarheit.
Ich finde nur noch Bestätigungen für das, was ich sowieso sehen möchte.
Deshalb würde ich für meine eigene Lernphase zuerst mit wenigen Werkzeugen arbeiten:
Marktstruktur
übergeordnete Zeiteinheit
Umkehrstab
Tageslinien
Trendlinie
und erst danach zusätzliche Instrumente wie Pivot und Fibonacci ergänzen.
Die Markttechnik soll die Grundlage bleiben.
Die anderen Werkzeuge dienen nur als zusätzliche Orientierung.
Was ich aus Einstiegssignalen mitnehme
Je mehr ich mich mit Einstiegen beschäftige, desto deutlicher wird:
Der perfekte Einstieg entsteht nicht dadurch, dass ein einzelner Indikator „BUY“ anzeigt.
Ein guter Einstieg besteht aus einem Zusammenhang.
Ich muss wissen:
Wo befindet sich der Markt?
Was ist der übergeordnete Trend?
Welche 1-2-3-Struktur liegt vor?
Handle ich Trend, Bewegung oder Ausbruch?
Wo liegt mein Stop, wenn ich falsch liege?
Und erst danach:
Welches Ereignis löst meinen tatsächlichen Einstieg aus?
Der Umkehrstab kann ein solcher Trigger sein.
Der Durchbruch durch ein Vortageshoch kann ein Trigger sein.
Der Bruch einer Trendlinie kann ein Trigger sein.
Ein Ausbruch über Punkt 2 kann ein Trigger sein.
Aber kein einziges dieser Signale sollte vollkommen isoliert betrachtet werden.
Für mich ist deshalb eine der wichtigsten Erkenntnisse:
Der Einstieg ist nicht die Tradingidee. Der Einstieg ist nur der Zeitpunkt, an dem ich eine bereits vorhandene Tradingidee in eine Position umsetze.
Und genau deshalb muss die Analyse vor dem Einstieg beginnen.
Der Trader sollte nicht nachträglich versuchen, seinen Kauf im Chart zu rechtfertigen.
Er sollte vorher wissen:
Setup → Trigger → Einstieg → Stop → Ziel.
Dann wird aus einem spontanen Kauf langsam eine nachvollziehbare Handelsstrategie.