Trading Notizen 2 – Kurs der Aktie

Jeder Anfänger-Trader macht immer den gleichen Fehler. Er denkt, dass der Kurs einer Aktie hauptsächlich etwas mit reinen News oder Spekulationen zu tun hat. Was natürlich auch den Markt bewegt, aber eigentlich wenig damit zu tun hat, wie ein Aktienkurs an der Börse tatsächlich entsteht.

Die goldene Regel heißt:

Ein Kurs bildet sich an der Börse aus Angebot und Nachfrage und nicht aus News.

Natürlich gibt es viele Trader, die aufgrund einer Nachricht aus einer Börsenzeitschrift oder von einem YouTuber die eine oder andere Aktie kaufen. Diese Trades bilden aber nur einen kleinen Teil des gesamten Aktienbewegungsvolumens.

Es gibt viele Institutionen, Fonds und Banken, die eine Aktie absolut frei von News in großen Umfang kaufen oder verkaufen wollen. Aus ganz verschiedenen Gründen.

Oder beispielsweise ein BlackRock-Algorithmus kauft oder verkauft ein bestimmtes Volumen in großem Stil.

Wenn diese institutionellen Anleger große Volumen in Aktien bewegen, können wir immer wieder große Sprünge sehen, besonders am Tagesbeginn oder am Tagesende. Oft geht es sogar über 10 % hoch oder runter.

Was tatsächlich hinter einem Aktienkurs steckt

Wenn ich mir als Anfänger einen Aktienkurs anschaue, sehe ich beispielsweise:

Aktie: 100 €

Dann kommt eine Nachricht:

„Unternehmen erwartet 20 % mehr Gewinn.“

Viele Anfänger denken jetzt:

Gute Nachricht = Aktie steigt.

Aber das ist so nicht ganz richtig.

Die Nachricht selbst bewegt den Kurs nicht direkt.

Der Kurs bewegt sich erst dann, wenn aufgrund dieser Nachricht Käufer und Verkäufer ihre Orders verändern.

Wenn plötzlich sehr viele Marktteilnehmer bereit sind, die Aktie zu kaufen, aber nur wenige bereit sind, zu diesem Preis zu verkaufen, müssen die Käufer höhere Preise bezahlen.

Der Kurs steigt.

Umgekehrt kann eine sehr schlechte Nachricht veröffentlicht werden. Wenn aber bereits alle Marktteilnehmer diese Nachricht erwartet haben und die Aktie deshalb schon vorher stark gefallen ist, muss die Aktie nach Veröffentlichung der Nachricht nicht weiter fallen.

Genau hier wird es für einen Trader interessant.

Die News sind der Auslöser.

Aber der Kurs entsteht durch die Reaktion des Marktes darauf.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Ein einfaches Beispiel

Nehmen wir an, eine Aktie steht bei:

100 €

Das Unternehmen veröffentlicht eine sehr gute Nachricht.

Viele Anleger sehen die Nachricht und wollen kaufen.

Im Orderbuch befinden sich beispielsweise:

  • 1.000 Aktien bei 100 €
  • 500 Aktien bei 100,10 €
  • 1.000 Aktien bei 100,20 €
  • 2.000 Aktien bei 100,50 €

Jetzt kommen plötzlich Kauforders über insgesamt 5.000 Aktien in den Markt.

Die Käufer nehmen die vorhandenen Verkaufsorders nach und nach weg.

Der Kurs kann dadurch beispielsweise von:

100 € → 100,10 € → 100,20 € → 100,50 € → 101 €

steigen.

Die Nachricht hat also nicht gesagt:

„Die Aktie muss jetzt 101 € wert sein.“

Der Markt hat diesen Preis durch die tatsächlichen Kauf- und Verkaufsorders gebildet.

Der gleiche Kurs kann durch völlig unterschiedliche Gründe entstehen

Das ist ein Punkt, den ich beim Trading verstehen muss.

Eine Aktie kann beispielsweise bei 100 € stehen.

Ein großer Fonds möchte 500.000 Aktien verkaufen, weil er sein Portfolio umschichtet.

Vielleicht hat das Unternehmen gerade eine hervorragende Nachricht veröffentlicht.

Trotzdem kann der Kurs fallen.

Warum?

Weil momentan mehr Verkaufsdruck vorhanden ist als Kaufdruck.

Der Fonds interessiert sich möglicherweise überhaupt nicht für die aktuelle Nachricht.

Vielleicht muss er verkaufen, weil:

  • sein Fonds bestimmte Gewichtungen einhalten muss,
  • Anleger Geld aus dem Fonds abziehen,
  • er Gewinne mitnehmen möchte,
  • ein Index angepasst wurde,
  • ein Risikolimit erreicht wurde,
  • eine andere Anlage attraktiver geworden ist,
  • ein Algorithmus automatisch eine Position reduziert.

Für den Markt ist der Grund zunächst zweitrangig.

Entscheidend ist:

Es werden Aktien zum Verkauf angeboten und Käufer müssen gefunden werden.

Wenn auf der Käuferseite nicht genügend Nachfrage vorhanden ist, muss der Verkäufer niedrigere Preise akzeptieren.

Der Kurs fällt.

Deshalb ist der Kurs selbst eine wichtige Information

Wenn ich beim Trading ständig nur nach News suche, sehe ich eigentlich nur einen Teil des Marktes.

Der Kurs zeigt mir dagegen, was die Marktteilnehmer tatsächlich tun.

Eine Nachricht kann positiv sein.

Der Kurs fällt trotzdem.

Eine Nachricht kann negativ sein.

Der Kurs steigt trotzdem.

Das wirkt für einen Anfänger zunächst unlogisch.

Aber wenn ich verstanden habe, dass der Kurs aus Angebot und Nachfrage entsteht, wird es verständlicher.

Beispiel:

Eine Aktie steht bei 50 €.

Es kommt eine schlechte Nachricht.

Eigentlich würde man erwarten:

schlechte Nachricht → Aktie fällt

Aber die Aktie steigt auf 55 €.

Was könnte passiert sein?

Vielleicht haben große institutionelle Anleger bereits vorher mit einer noch schlechteren Nachricht gerechnet.

Die schlechte Nachricht ist dann zwar schlecht, aber besser als erwartet.

Die Anleger kaufen.

Oder vielleicht war die Aktie bereits bei 40 € und viele Marktteilnehmer haben die schlechte Nachricht bereits eingepreist.

Dann kann eine schlechte Nachricht sogar dazu führen, dass die Aktie steigt.

Das zeigt:

Nicht die Nachricht alleine entscheidet über die Kursbewegung. Entscheidend ist, wie der Markt die Nachricht bewertet und welche Orders daraus entstehen.

Warum große Institutionen den Kurs stark bewegen können

Als kleiner Trader kaufe ich vielleicht:

100 Aktien × 100 € = 10.000 €

Das ist für den Gesamtmarkt meistens kaum relevant.

Ein großer Fonds kann dagegen beispielsweise:

500.000 Aktien × 100 € = 50.000.000 €

bewegen.

Das sind 50 Millionen Euro.

Und genau hier entsteht ein Problem für den kleinen Trader.

Ich kann auf meinem Bildschirm eine Aktie beobachten und denken:

„Warum steigt die Aktie plötzlich 3 %? Es gibt doch überhaupt keine News.“

Vielleicht braucht es auch gar keine News.

Vielleicht kauft gerade ein großer institutioneller Anleger.

Oder mehrere Fonds verändern gleichzeitig ihre Positionen.

Oder ein Algorithmus führt automatisch große Orders aus.

Der Markt muss nicht immer einen sichtbaren Grund liefern.

Algorithmen machen das Ganze noch interessanter

Heute wird ein großer Teil des Börsenhandels automatisiert durchgeführt.

Ein Algorithmus kann beispielsweise die Aufgabe bekommen:

„Kaufe insgesamt 2 Millionen Aktien, aber nicht alles auf einmal.“

Dann wird dieser Auftrag möglicherweise in sehr viele kleinere Orders aufgeteilt.

Zum Beispiel:

  • 10.000 Aktien
  • 15.000 Aktien
  • 8.000 Aktien
  • 20.000 Aktien
  • 12.000 Aktien

und so weiter.

Für einen kleinen Trader sieht das möglicherweise gar nicht spektakulär aus.

Aber über mehrere Stunden können dadurch Millionen von Aktien gekauft werden.

Wenn gleichzeitig nicht genügend Verkäufer vorhanden sind, steigt der Kurs.

Und wieder brauche ich dafür keine neue Nachricht.

Der Kurs kann sich bewegen, weil ein großer Marktteilnehmer einfach seine Position aufbaut.

Warum der Tagesbeginn besonders interessant sein kann

Gerade beim Börsenstart können teilweise sehr große Kursbewegungen entstehen.

Nehmen wir an, eine Aktie hat gestern bei:

100 €

geschlossen.

Über Nacht kommen viele neue Informationen.

Am nächsten Morgen liegen plötzlich sehr viele Kauforders bei beispielsweise 108 €.

Dann kann die Aktie bereits mit einem deutlich höheren Kurs eröffnen.

Zum Beispiel:

Schlusskurs gestern: 100 €

Eröffnung heute: 108 €

Das entspricht:

+8 %

Es muss dabei nicht unbedingt ein einziger Käufer gewesen sein.

Viele Marktteilnehmer können gleichzeitig ihre Orders anpassen.

Dazu kommen institutionelle Anleger, Fonds, Algorithmen und andere Marktteilnehmer.

Deshalb können die ersten Minuten nach Handelsbeginn besonders volatil sein.

Auch am Tagesende kann viel passieren

Das gleiche Prinzip kann am Ende des Handelstages auftreten.

Viele institutionelle Anleger orientieren ihre Transaktionen an bestimmten Schlusskursen.

Auch Fonds müssen teilweise ihre Portfolios neu gewichten.

Indexfonds müssen Aktien kaufen oder verkaufen, wenn sich die Zusammensetzung eines Index verändert.

Dadurch können am Tagesende sehr große Handelsvolumen entstehen.

Beispielsweise kann eine Aktie über den Tag relativ ruhig zwischen:

99 € und 101 €

handeln.

Kurz vor Handelsschluss kommen plötzlich sehr große Orders in den Markt.

Dann kann der Kurs innerhalb kurzer Zeit beispielsweise von:

100,20 € → 102 €

steigen.

Für einen Anfänger sieht das vielleicht wie eine völlig unerwartete Bewegung aus.

Aber der Markt besteht nicht nur aus privaten Tradern.

Das muss ich beim Trading immer im Hinterkopf behalten.

Was bedeutet das für mich als Trader?

Ich sollte deshalb nicht versuchen, jede Kursbewegung unbedingt mit einer Nachricht zu erklären.

Wenn eine Aktie plötzlich 5 % steigt, sollte meine erste Frage nicht unbedingt sein:

„Welche News gibt es?“

Sondern auch:

„Was passiert gerade mit Angebot und Nachfrage?“

Wie groß ist das Handelsvolumen?

Wie sieht das Orderbuch aus?

Wie viele Käufer sind vorhanden?

Wie viele Verkäufer?

Wie groß sind die Orders?

Ist plötzlich ungewöhnlich viel Volumen im Markt?

Kommt die Bewegung mit hohem Volumen oder mit sehr wenig Volumen?

Diese Informationen können für einen Trader wesentlich interessanter sein als die eigentliche Schlagzeile.

Ein Beispiel mit Zahlen

Nehmen wir eine Aktie mit einem Kurs von:

100 €

Normalerweise werden pro Minute ungefähr 10.000 Aktien gehandelt.

Plötzlich steigt das Volumen auf:

200.000 Aktien pro Minute.

Das ist das 20-Fache des normalen Volumens.

Gleichzeitig steigt der Kurs:

100 € → 101 € → 102 € → 103 €

Jetzt weiß ich zwar noch nicht genau, warum das passiert.

Aber ich sehe, dass im Markt etwas Außergewöhnliches passiert.

Vielleicht gibt es eine Nachricht.

Vielleicht kauft ein großer institutioneller Anleger.

Vielleicht müssen Short-Positionen geschlossen werden.

Vielleicht reagieren Algorithmen auf bestimmte Signale.

Vielleicht sind mehrere dieser Faktoren gleichzeitig aktiv.

Der Kurs und das Volumen zeigen mir also zunächst das Ergebnis des Handels.

Die genaue Ursache muss ich nicht immer sofort kennen.

Der wichtigste Gedanke

Für mich ist deshalb eine der wichtigsten Erkenntnisse:

Der Aktienkurs ist das Ergebnis von Millionen Entscheidungen und Orders.

News können diese Entscheidungen beeinflussen.

Analysten können sie beeinflussen.

YouTuber können sie beeinflussen.

Gerüchte können sie beeinflussen.

Zinssätze können sie beeinflussen.

Institutionelle Anleger können sie beeinflussen.

Algorithmen können sie beeinflussen.

Aber am Ende muss jede dieser Informationen in Kauf- oder Verkaufsorders umgesetzt werden, damit sie tatsächlich eine Kursbewegung verursacht.

Eine Nachricht alleine bewegt keinen Kurs.

Die Reaktion der Marktteilnehmer auf diese Nachricht bewegt den Kurs.

Und genau deshalb kann ein Trader manchmal eine scheinbar völlig unerklärliche Bewegung beobachten.

Der Grund muss nicht in einer News zu finden sein.

Vielleicht sitzt irgendwo auf der Welt gerade ein Fondsmanager und entscheidet, 50 Millionen Euro in eine bestimmte Aktie zu investieren.

Oder ein Algorithmus verkauft automatisch eine große Position.

Oder tausende kleine Marktteilnehmer verändern gleichzeitig ihre Orders.

Wir sehen am Ende nur das Ergebnis:

Der Kurs bewegt sich.

Das ist für mich ein wichtiger Gedanke beim Trading:

Nicht immer nach dem Grund suchen, warum sich der Kurs bewegen müsste. Beobachten, was der Markt tatsächlich macht.

Denn der Markt kann eine andere Meinung haben als die Nachricht.

Und am Ende zählt beim Trading nicht, was laut einer Nachricht passieren sollte, sondern was Käufer und Verkäufer tatsächlich tun.

Wo bekommt man die Einsicht rund um die Kursbildung?

1. TradingView – für dich wahrscheinlich der einfachste Einstieg

TradingView – Level-2-Daten

TradingView zeigt bei unterstützten Märkten das Orderbuch mit Bid und Ask auf mehreren Preisstufen sowie die jeweilige verfügbare Kontrakt-/Aktienmenge.

Zum Lernen ist das sehr interessant. Du siehst beispielsweise:

Käufer (Bid)PreisVerkäufer (Ask)
5.00099,98 €100,02 €
8.00099,97 €100,03 €
12.00099,96 €100,04 €

Damit kannst du live beobachten, was passiert, wenn plötzlich große Orders in den Markt kommen.

2. Für den Bund-Future: direkt bei Eurex

Da wir in deiner Notiz gerade über den Bund-Future gesprochen haben, ist das sogar noch interessanter.

Eurex Core – Echtzeit-Marktdaten

Eurex stellt für den Euro-Bund-Future Bid/Ask-Daten mit einer Orderbuchtiefe bis Level 15 inklusive der dahinterliegenden Volumina bereit.

Das ist genau das, was du suchst.

Du könntest dann beispielsweise beobachten:

Bid

101,25 → 1.200 Kontrakte
101,24 → 2.500
101,23 → 4.800
101,22 → 7.300

Ask

101,26 → 900 Kontrakte
101,27 → 1.100
101,28 → 2.000
101,29 → 5.600

Dann siehst du praktisch die Liquidität vor dem Kurs.

3. Nasdaq BookViewer – extrem interessant zum Lernen

Für US-Aktien gibt es sogar ein sehr gutes Beispiel direkt von Nasdaq:

Nasdaq BookViewer

Der BookViewer zeigt die Kauf- und Verkaufsorders in Echtzeit und basiert auf Nasdaq TotalView. Nasdaq beschreibt TotalView als vollständige Orderbuchtiefe mit den angezeigten Orders auf den jeweiligen Preisstufen.

Das ist für dein Lernprojekt besonders interessant, weil du dort nicht nur den letzten Kurs siehst, sondern die Struktur dahinter.

Aber hier kommt ein sehr wichtiger Punkt für deine Notizen

Das Orderbuch zeigt nicht automatisch, was tatsächlich gehandelt wird.

Es zeigt zunächst:

„Was wollen Marktteilnehmer zu bestimmten Preisen kaufen oder verkaufen?“

Das sind offene Orders.

Erst wenn sich eine Kauforder und eine Verkaufsorder treffen, entsteht ein ausgeführter Trade.

Das kannst du dir so vorstellen:

Orderbuch = Absichten
Time & Sales = tatsächlich ausgeführte Trades

Und genau diese Kombination würde ich dir für dein Lernen empfehlen.

Du solltest dir beim Trading drei Dinge gleichzeitig anschauen:

1. Chart

→ Was macht der Kurs?

2. Orderbuch / Market Depth

→ Wo liegen Kauf- und Verkaufsorders?

3. Time & Sales

→ Welche Orders werden tatsächlich ausgeführt?

Dann bekommst du ein wesentlich vollständigeres Bild.

Beispiel

Aktie steht bei 100 €.

Im Orderbuch siehst du:

Bid:
100,00 € → 20.000 Aktien

Ask:
100,01 € → 500 Aktien

Jetzt kommen aggressive Käufer.

Sie kaufen die 500 Aktien bei 100,01 €.

Danach stehen dort vielleicht:

100,02 € → 800 Aktien
100,03 € → 1.200 Aktien

Die Käufer nehmen diese Verkaufsorders ebenfalls weg.

Dann:

100,01 → 100,02 → 100,03 → 100,04 €

Der Kurs steigt.

Du kannst also tatsächlich live beobachten, wie Kauforders die Verkaufsseite „auffressen“.

Umgekehrt kann man beobachten, wie Verkaufsorders immer tiefere Bid-Levels treffen.


⚠️ Und noch etwas sehr Wichtiges

Eine große Order im Orderbuch bedeutet nicht automatisch, dass dieser Marktteilnehmer tatsächlich kaufen oder verkaufen wird.

Orders können wieder gelöscht oder verändert werden.

Deshalb ist es gefährlich, einfach zu denken:

„Da liegen 50.000 Aktien bei 100 €, also wird der Kurs dort garantiert drehen.“

Nein.

Die entscheidende Information ist die Kombination aus Orderbuch + tatsächlichen Ausführungen + Kursbewegung + Volumen.

Trading Spickzettel 2

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