Trading Notizen 4 – Trendlinien

Trendlinien

Um einen Chart beim Trading zu analysieren, hat der Trader heutzutage unheimlich viele Werkzeuge zur Verfügung. Eine der simpelsten Methoden ist es, Trendlinien anzulegen. Dafür benötigt man mindestens zwei Punkte, die miteinander verbunden werden, um eine weiterführende Linie zu zeichnen.

In einem Abwärtstrend verbindet man somit jeweils die Spitzen des ersten Hochstands mit dem nachfolgenden Hochstand. Liegt der nächste Hochpunkt tiefer als der vorherige, beginnt sich eine fallende Linie zu bilden. Je mehr weitere Hochpunkte diese Linie bestätigen, desto besser kann man erkennen, ob tatsächlich ein Abwärtstrend vorhanden ist.

Bei einem Aufwärtstrend funktioniert es entsprechend andersherum. Hier werden nicht die Hochpunkte, sondern die Tiefpunkte miteinander verbunden. Sind die verbundenen Tiefpunkte ansteigend, spricht das für einen Aufwärtstrend.

Wichtig ist dabei aber: Zwei Punkte reichen zwar aus, um überhaupt eine Trendlinie zeichnen zu können, sie reichen noch nicht unbedingt aus, um daraus bereits einen wirklich aussagekräftigen Trend abzuleiten. Kommen weitere Hoch- oder Tiefpunkte hinzu und reagieren diese wieder an der gleichen Linie, bekommt die Trendlinie mehr Bedeutung.

Da wir mit nur einer Linie beziehungsweise nur zwei Punkten noch keinen besonders aussagekräftigen Trend ermittelt bekommen, nutzen wir weitere Hoch- oder Tiefpunkte, um den Verlauf zu bestätigen. Teilweise kann es auch sinnvoll sein, verschiedene mögliche Trendlinien einzuzeichnen, um optisch einen besseren Blickwinkel auf den Chart zu bekommen.

Dabei merkt man schnell, dass ein Chart nicht perfekt verläuft. Die Hochstände und Tiefstände liegen nicht immer exakt auf einer Linie. Eine Trendlinie ist deshalb keine mathematisch perfekte Grenze, sondern ein Werkzeug zur Orientierung.

Aufwärts- und Abwärtstrend erkennen

Sind die verbundenen Tiefpunkte ansteigend, ist ein Aufwärtstrend vorhanden. Der Markt schafft es dann immer wieder, nach einer Korrektur bereits auf einem höheren Niveau neue Käufer zu finden.

Ein Aufwärtstrend besteht meistens aus:

höheren Tiefpunkten und höheren Hochpunkten.

Der Kurs steigt also, fällt zwischenzeitlich wieder zurück, erreicht aber bei der nächsten Abwärtsbewegung nicht mehr das vorherige Tief. Danach entsteht möglicherweise ein neues Hoch.

Beim Abwärtstrend ist es genau umgekehrt.

Hier entstehen:

tiefere Hochpunkte und tiefere Tiefpunkte.

Der Kurs kann sich immer wieder kurzfristig erholen, erreicht dabei aber nicht mehr das vorherige Hoch. Danach fällt er erneut und kann ein neues Tief bilden.

Dadurch entsteht Stück für Stück die Struktur, die wir später mit einer Trendlinie sichtbar machen.

Trendlinien funktionieren in verschiedenen Zeiträumen

Die Methode mit Trendlinien kann in praktisch jeder Zeitspanne angewendet werden.

Man kann einen Trend innerhalb einer Stunde beobachten, denn auch innerhalb einer Stunde gibt es Hoch- und Tiefpunkte im Chart. Genauso kann man Trendlinien in einem Tageschart, Wochenchart oder über längere Zeiträume einsetzen.

Die grundlegende Methode bleibt dabei immer gleich.

Allerdings spielt die Zeitspanne für die Bedeutung des Trends durchaus eine Rolle.

Ein Chart kann beispielsweise innerhalb einer Stunde einen Aufwärtstrend zeigen, während der übergeordnete Tagestrend gleichzeitig nach unten läuft.

Das ist kein Widerspruch.

Ein kurzfristiger Aufwärtstrend kann lediglich eine Erholung innerhalb eines größeren Abwärtstrends sein.

Deshalb muss ich als Trader immer wissen:

Welche Zeiteinheit analysiere und trade ich eigentlich?

Ein Daytrader betrachtet wahrscheinlich andere Zeiträume als jemand, der eine Aktie mehrere Wochen oder Monate halten möchte.

Eine Trendlinie ist keine Glaskugel

Achtung:

Eine Trendlinie ist keine Glaskugel.

Sie ist eine analytische Möglichkeit, einen Chart zu analysieren und einzuschätzen, in welche Richtung der Kurs momentan läuft beziehungsweise mit welcher Richtung weiterhin gerechnet werden könnte.

Eine steigende Trendlinie bedeutet nicht automatisch, dass der Kurs weiter steigen muss.

Sie zeigt mir lediglich:

Bis zu diesem Zeitpunkt hat der Markt eine steigende Struktur aufgebaut.

Diese Struktur kann jederzeit verändert oder gebrochen werden.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Ich sollte eine Trendlinie deshalb niemals als Garantie für eine zukünftige Kursbewegung ansehen.

Sie hilft mir lediglich dabei, eine momentan vorhandene Struktur im Chart besser sichtbar zu machen.

Nicht jeder Trend ist gleich stabil

Außerdem sind Trends nicht gleich stabil.

Es gibt Charts, bei denen die Hochstände und Tiefstände relativ sauber verlaufen. Dort lassen sich Trendlinien sehr einfach einzeichnen.

Bei anderen Aktien können die Hochstände und Tiefstände sehr chaotisch in der Breite und Höhe des Charts vorkommen. Der Kurs springt stärker hin und her und eine klare Trendlinie ist wesentlich schwieriger zu erkennen.

Hier spielen unter anderem die Zeit, die Liquidität und die Größe der Orders, die am Markt platziert werden, eine entscheidende Rolle.

Kommt beispielsweise plötzlich eine große Kauf- oder Verkaufsorder in den Markt, kann diese Bewegung einen bisher relativ sauberen Chart kurzfristig stark verändern.

Gerade bei weniger liquiden Aktien können einzelne größere Orders stärkere Ausschläge verursachen.

Damit kommt wieder das Thema aus meinen vorherigen Trading-Notizen ins Spiel:

Ein Chart entsteht letztendlich durch Angebot und Nachfrage.

Die Trendlinie zeigt mir nur optisch das Ergebnis dieser vielen Kauf- und Verkaufsentscheidungen.

Trendlinien sind größtenteils subjektiv

Ein weiterer wichtiger Punkt:

Trendlinien sind größtenteils subjektiv.

Zwei Trader können den gleichen Chart anschauen und trotzdem etwas unterschiedliche Trendlinien einzeichnen.

Der eine Trader verwendet vielleicht einen bestimmten Tiefpunkt, während ein anderer diesen Punkt nur als kurzfristigen Ausschlag betrachtet und einen anderen Tiefpunkt benutzt.

Dadurch können unterschiedliche Linien entstehen.

Das bedeutet aber nicht automatisch, dass einer der beiden Trader vollkommen falsch liegt.

Eine Trendlinie ist kein exakt berechneter Wert wie beispielsweise eine mathematische Formel.

Sie ist eine visuelle Interpretation des Chartverlaufs.

Gerade deshalb ist es wichtig, beim Zeichnen von Trendlinien möglichst einheitliche Regeln zu benutzen und nicht ständig eine Linie neu anzupassen, nur weil sie nicht mehr zur eigenen Position passt.

Mehrere Berührungspunkte machen eine Trendlinie interessanter

Je öfter ein Kurs an einer Trendlinie reagiert, desto interessanter wird diese Linie für den Trader.

Der erste und zweite Punkt ermöglichen es überhaupt, die Linie zu zeichnen.

Kommt später ein dritter Punkt hinzu und reagiert der Kurs dort erneut, wird die bisherige Linie bestätigt.

Kommt ein weiterer Berührungspunkt dazu, wird noch deutlicher, dass dieser Bereich möglicherweise auch von anderen Marktteilnehmern beobachtet wird.

Das bedeutet trotzdem nicht, dass die Linie beim nächsten Kontakt wieder halten muss.

Aber sie bekommt für die Analyse mehr Gewicht.

Eine Trendlinie kann deshalb teilweise wie eine dynamische Unterstützung oder ein dynamischer Widerstand wirken.

Bei einem Aufwärtstrend kann der Kurs immer wieder an die steigende Linie zurücklaufen und dort erneut Käufer finden.

Bei einem Abwärtstrend kann der Kurs an die fallende Linie steigen und dort erneut Verkaufsdruck bekommen.

Auch hierbei gilt wieder:

Die Linie selbst bewegt den Markt natürlich nicht.

Hinter der Linie stehen die Orders und Entscheidungen der Marktteilnehmer.

Zeitverzögerung beim Erkennen eines Trends

Bei der Visualisierung eines Trends mit Trendlinien und auch bei vielen Indikatoren kommt es immer zu einer gewissen Zeitverzögerung zwischen dem Beginn einer Bewegung und dem später erkennbaren Einstiegssignal.

Das ist eigentlich logisch.

Damit ich einen Trend überhaupt erkennen kann, muss sich dieser zunächst entwickeln.

Ich benötige mindestens zwei Punkte für die erste Trendlinie. Eine bessere Bestätigung bekomme ich möglicherweise erst mit einem dritten Punkt.

Bis dahin hat der Kurs aber bereits einen Teil seiner Bewegung gemacht.

Das bedeutet:

Je mehr Bestätigung ich abwarte, desto sicherer erscheint mir der Trend, aber desto später steige ich möglicherweise ein.

Gehe ich dagegen sehr früh in einen möglichen Trend hinein, bekomme ich eventuell einen besseren Einstieg, habe aber noch weniger Bestätigung dafür, dass tatsächlich ein stabiler Trend entsteht.

Genau hier beginnt bereits eine wichtige Entscheidung für den Trader.

Trendlinien und Fächerbildung

Bei Trendlinien kann eine ansteigende Dynamik zu einer sogenannten Fächerbildung führen.

Das passiert, wenn ein vorhandener Trend zunehmend stärker beziehungsweise steiler wird.

Der Kurs steigt beispielsweise zunächst relativ gleichmäßig. Danach nimmt die Kaufdynamik zu und der Kurs steigt schneller.

Die ursprüngliche Trendlinie ist dann möglicherweise zu flach, um die neue Bewegung noch sinnvoll abzubilden.

Es entsteht eine zweite, steilere Trendlinie.

Nimmt die Dynamik weiter zu, kann anschließend sogar eine dritte Trendlinie entstehen.

Wenn mehrere dieser Linien von einem ähnlichen Ausgangsbereich in unterschiedliche Steigungen verlaufen, entsteht optisch eine Art Fächer.

Die erste Linie zeigt den ursprünglichen langsameren Trend.

Die zweite Linie zeigt eine stärkere Dynamik.

Die dritte Linie kann eine noch stärkere Beschleunigung des Marktes darstellen.

Eine immer steilere Trendlinie sieht zunächst natürlich positiv aus, wenn man in einem Aufwärtstrend investiert ist.

Sie kann aber gleichzeitig darauf hinweisen, dass die Bewegung zunehmend aggressiver wird und dadurch auch anfälliger für eine stärkere Gegenbewegung werden kann.

Fächerbildung stellt höhere Anforderungen an den Trader

Diese Fächerbildung stellt hohe Anforderungen an den Trader.

Denn jetzt muss er entscheiden:

Welche Trendlinie ist für meinen Trade eigentlich entscheidend?

Wenn beispielsweise die steilste Trendlinie gebrochen wird, ist möglicherweise nur die starke kurzfristige Dynamik beendet.

Der ursprüngliche größere Aufwärtstrend könnte aber trotzdem noch vollkommen intakt sein.

Der Kurs könnte also auf die zweite oder sogar auf die ursprüngliche Trendlinie zurücklaufen und dort erneut drehen.

Genau deshalb benötigt der Trader klare Ein- und Ausstiegsregeln.

Er muss bereits vorher überlegen:

  • Welche Trendlinie trade ich?
  • Wann gilt diese Linie für mich als gebrochen?
  • Wann steige ich aus?
  • Wo liegt mein Stop?
  • Ziehe ich meinen Stop im Verlauf des Trends nach?
  • Was passiert, wenn nur die steilste Trendlinie gebrochen wird, der größere Trend aber weiter besteht?

Solche Entscheidungen sollte man möglichst nicht erst treffen, wenn der Kurs bereits stark gegen die eigene Position läuft.

Nachlaufende Stopps

Gerade bei einem vorhandenen Trend können nachlaufende Stopps interessant sein.

Der Gedanke dahinter ist, den Stop nicht dauerhaft an der gleichen Stelle zu lassen, sondern ihn mit der Entwicklung des Trends nachzuziehen.

Entwickelt sich ein Aufwärtstrend weiter und entstehen neue höhere Tiefpunkte, kann der Trader überlegen, seinen Stop entsprechend nach oben anzupassen.

Dadurch versucht er, zwei Dinge miteinander zu verbinden:

Dem Trend genügend Platz für normale Schwankungen geben und gleichzeitig einen bereits entstandenen Gewinn zunehmend absichern.

Auch hier gibt es aber keine perfekte Linie.

Setzt man den Stop zu eng, kann eine normale kurzfristige Bewegung die Position schließen und der Kurs läuft anschließend wieder in die ursprüngliche Richtung.

Setzt man ihn dagegen sehr weit weg, gibt man möglicherweise einen größeren Teil des bereits entstandenen Gewinns wieder ab.

Deshalb ist auch das Nachziehen eines Stops Teil einer vorher festgelegten Tradingstrategie.

Was ich mir bei Trendlinien merken muss

Trendlinien gehören zu den einfachsten Werkzeugen der technischen Analyse, aber gerade deshalb darf man sie nicht unterschätzen.

Sie helfen mir, einen zunächst chaotisch wirkenden Chart optisch zu strukturieren.

Ich kann damit besser erkennen:

Steigen die Tiefpunkte?

Fallen die Hochpunkte?

Bleibt eine bisherige Marktstruktur erhalten?

Wird die Bewegung stärker?

Verliert der Trend an Stabilität?

Wurde eine bisher wichtige Linie gebrochen?

Eine Trendlinie sagt mir aber niemals mit Sicherheit, was als Nächstes passieren wird.

Sie zeigt mir nur, was der Markt bis jetzt gemacht hat und welche Struktur daraus entstanden ist.

Damit ist die Trendlinie für mich kein Werkzeug zur sicheren Vorhersage, sondern eine Möglichkeit, Wahrscheinlichkeiten und Marktbewegungen besser einzuordnen.

Gerade in Verbindung mit meinen vorherigen Themen Liquidität, Kursbildung, Ordergrößen und Angebot und Nachfrage wird auch verständlicher, was hinter einer Trendlinie eigentlich steckt.

Die Linie selbst ist nur eine Zeichnung.

Die eigentliche Bewegung entsteht durch Käufer und Verkäufer, die hinter diesem Chart handeln.

Trading Spickzettel 4

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